Gegebenenfalls Gegebenheiten vom Jakobsweg

Parallel im Pilgerweg gelebt

In Jakobsweg am 19. November 2009 um 22:18

Von Spanien habe sie zwar etwas gesehen, von ihren Schuhen und dem Wanderstock jedoch mehr. Dieser Erkenntnis fügt die Baronesse die Beobachtung hinzu, dass das Leben in Spanien zeitversetzt am Pilgerleben entlang verläuft.

Spanier stehen später auf als die Pilger, die sich früh auf den Weg machen, um am nächsten Ort ein Bett zu erhaschen und der Hitze zu entgehen.  Spanier gehen abends aus, wenn die Temperaturen am angenehmsten sind, während die Pilger vor Toresschluss um 22 Uhr im Bett sein müssen.

Selbst das gute spanische Essen bleibt den Pilger vorenthalten.  Abends wird es nach dem kargeren und fettigeren Pilgermahl serviert; mittags oder nachmittags sind die Restaurants nicht auf lokale oder durchziehende Gourmets eingestellt.

Die Pilger erhalten ein falsches Bild von Spanien und Spaniern, befürchtet sie. Der Jakobsweg und die Realität entfalten sich in verschiedenen Universen.

Wer sich selbst sucht, kann sich vielleicht auf dem Jakobsweg finden. Wer sich bereits aufgelesen hat und Land und Leute sucht, kann dem Pilgerstil aus dem Weg gehen, folgert die Baronesse.

Erste Berichte vom Jakobsweg

In Jakobsweg am 18. September 2009 um 21:56

Irgendwann rückte sie mit der knappen Auskunft heraus, dass die italienische Bürokratin sich geweigert hatte, ihre Fußnägel zu schneiden. Sie hatte doch extra für den Jakobsweg schicke Wandersandalen erworben.

Sie sei nicht die Einzige gewesen, die hoffte, die Zehen würden sich dem Pilgerpfad anpassen. Dass die Zehnägel das Zehbett hochrutschten und den Fuß blutig rieben, bis die Nägel vereiterten und abfielen, plagte nicht nur dieses eitle Weib.

Einen dauerhaften Eindruck prägte deshalb die Beobachtung zweier dänischer Mitwandererinnen, die die Damen auf dem Jakobsweg kennen lernten. Eine war Krankenschwester. Sie ließ sich von niemanden abhalten, bei jedem Opfer auf der Strecke anzuhalten und erste Hilfe zu leisten.

Ihre dänische Freundin wollte wandern und auch die vielen Opfer der Eitelkeit nicht mehr wahrnehmen. Die Däninnen stritten sich gelegentlich, einigten sich wieder und holten dann mit Busfahrten einige Abschnitte auf.

Die Baronesse war mit ihrer Entscheidung zufrieden, alte Schuhe zu tragen. Dieselben, die sie vorher beim wöchentlichen Übungsgang angezogen hatte.  Keine einzige Blase habe sich an ihre Füße gewagt. So war es ja beabsichtigt, also nicht der Rede wert.

Heimkehr vom Jakobsweg

In Jakobsweg am 18. September 2009 um 21:43

Herr Gerwin und ich begrüßten die Baronesse am Flughafen mit einem gelben Strauß. Braungebrannt und wohlgelaunt fiel sie uns fast um den Hals. Auf, Gerwin, zum Stadthäuschen, gebot sie ohne eine Spur Müdigkeit von der langen Reise.

Die Fahrt ins Stadtzentrum prägten unsere Fragen mehr als ihre Erzählungen. Offensichtlich litt sie unter nichts – ganz im Gegensatz zu unsere Erwartungen! Was hatten wir nicht alles gelesen: Gebrochene Knochen, zerschundene Zehnägel und Zehen, wundgekratzte Haut nach Flohbissen oder einseitig sonnenverglühte Arme und Schultern.

Tatsächlich, links wirkte sie brauner – die Folge der östwestlichen Richtung des Jakobswegs. Ansonsten wirkte sie höchstens kräftiger. Abgenommen habe sie nicht, erklärte sie. Die Galazier arbeiten hart und essen stark. Da kann niemand abnehmen, und wer sich nicht genug bewegt, wird fett.

Viel erfuhren wir nicht.  Sie stellte Fragen nach dem Baufortschritt, wir drängten auf Offenbarungen aus dem Wanderorakel. Spürt man die emotionale, psychologische Veränderungen, von der andere Reisende berichteten? Fühlt sie sich nicht wie ein Kolumbus, der die Welt entdeckt? Etwas Stolz auf den eigenen Leistungsbeweis.

Die Baronesse wies jeden Stolz zurück. Ja, man habe es geschafft. Man habe auch geschummelt. Man habe sich nicht verändert. Offenbarungen gab es nicht. Nichts war sonderlich schlimm. Nur gab es viel mehr Berge als erwartet. Da habe sie, andere nicht, Atembeschwerden erlebt. Ansonsten solle man nicht so übertreiben.

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